Mörderische Textilproduktion – eine Veranstaltung zum 1. Mai

Mörderische Textilproduktion: Über Geschmack lässt sich streiten, über Ausbeutung nicht

Seit Beginn der Arbeiterinnenbewegung ist die Textilbranche immer wieder ein Zentrum harter Klassenauseinandersetzungen gewesen. Hier wird besonders deutlich was die stetig wachsende Globalisierung der Ausbeutung bedeutet. Frühe Beispiele sind der ca. sechs Monate andauernden Streik der TextilarbeiterInnen 1903 in Crimmitschau (Sachsen) und die Kämpfe der TextilarbeiterInnen Anfang des 20.Jahrhunderts in den USA. Ein weiteres Beispiel ist der Streik der Petrograder TextilarbeiterInnen am 8.3.1917, der ein wichtiges Signal für den Beginn der russischen Revolution war. Niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten und unmenschliche Arbeitsbedingungen sind immer noch für die Textilindustrie kennzeichnend – genauso jedoch wie der Widerstand der TextilarbeiterInnen für soziale Rechte und ein Leben in Würde.
Die Textilindustrie in den kapitalistischen Kernländern ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Zehntausende wurden entlassen und die Produktion in Länder mit noch niedrigeren Löhnen verlagert. Große Bekleidungsunternehmen wie z.B. H&M, C&A, Primark, Zara, Mango und KiK lassen heute u.a. in China, Bangladesch, Pakistan und Kambodscha produzieren. Die Produktion befindet sich in einer dauernden Wanderbewegung, denn produziert wird dort wo die Produktionskosten am Niedrigsten sind. Dies betrifft die gesamte Produktionskette, von der Baumwolle bis zum fertigen T-Shirt. Wenn ein T-Shirt hier für 3 Euro verkauft wird, ist klar, dass dies nur aufgrund unmenschlicher Arbeitsverhältnisse inbegriffen Hungerlöhne und grenzenloser Ausbeutung möglich ist. Sicherheitsstandards werden regelmäßig missachtet, immer wieder kommt es zu Fabrikbränden und Unfällen bei denen bereits mehrere Zehntausend Beschäftigte getötet wurden. Am 11.09.2012 kam es beispielsweise zu einem Großfeuer in der Textilfabrik „Ali Enterprises“ in Pakistan, bei dem über 250 ArbeiterInnen bei lebendigem Leib verbrannten. Am 24. April 2014 jährt sich der Tag des Einsturzes des „Rana Plaza“ Einkaufszentrums, in Savar, Bangladesch, in dem sich mehrere Textilfabriken befanden. Allein dabei kamen 1.134 ArbeiterInnen ums Leben und über 2.000 wurden zum Teil so schwer verletzt, dass sie nicht mehr arbeitsfähig sind. Profit geht über Leichen!

Doch auch der Widerstand wächst
Am 21.09.2013 haben in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch mehr als 50.000 TextilarbeiterInnen für höhere Löhne gestreikt. Am 12. und 13.11.2013 kam es in Ashulis und Savar zu Demonstrationen mit jeweils mehreren zehntausend TeilnehmerInnen. Im Januar dieses Jahres haben 450.000 ArbeiterInnen der Textilindustrie Kambodschas gestreikt und trugen damit ihren Protest in die Öffentlichkeit. Gefordert wurde bei allen Kämpfen die Gewährung eines lebenssichernden Standards am Arbeitsplatz, sowie eine Erhöhung der Mindestlöhne, die derzeit bei ca. 60 Euro monatlich liegen. 80% der Arbeitenden in der Textilbranche sind Frauen und an der untersten Ebene der Produktionsketten stehen die Heimarbeiterinnen.
Staatlicherseits wurde mit Repression reagiert, so wurde in Kambodscha sogar die Armee gegen die Streikenden eingesetzt. Hauptprofiteure des Geschäfts mit der Kleidung sind die internationalen Handelsketten und Konzerne. Auch die nationale Bourgoisie will weiterhin ihren Teil vom Kuchen nicht verlieren und den Standortwettbewerb um die billigsten Arbeitskräfte weiter anheizen.
Mit Zehra Khan haben wir eine, über Pakistan hinaus bekannte, kämpferische Gewerkschafterin eingeladen. Sie ist Generalsekretärin der „Homebased Women Workers Federation (HBWWF)“. Nach dem Großfeuer in der Textilfabrik „Ali Enterprises“ stellte sich die HBWWF sofort an die Seite der Opfer und Hinterbliebenen. Zehra Khan wurde zu einer Sprecherin des „Workers Rights Movement (WRM)“ und kämpft mit den Betroffenen für Entschädigungszahlungen, grundlegende Verbesserung der Arbeitsbedingungen und für höhere Löhne. Dabei geht es nicht nur um einzelne Verbesserungen, sondern um eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf antikapitalistischer Grundlage. Für Zehra Khan ist dieser Kampf untrennbar mit dem Kampf gegen die patriarchalen Verhältnisse und für die Rechte der Frauen verbunden. In Pakistan ein lebensgefährliches Engagement.

Solidarität ist unsere Stärke
Wir wollen die Verhältnisse auch hier zum Tanzen bringen. Konsum ist die Pille, mit der die Menschen hier in diesem System der internationalen Ausbeutung und damit auch ihrer eigenen Ausbeutung versöhnt werden sollen. Viele Beschäftigte in den Textilketten beklagen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Überwachung und Druck – Betriebsräte sind in der Regel unerwünscht. Dies ist die andere Seite der Ausbeutung in der Textilindustrie. Die Verhältnisse hier und in den Weltmarktfabriken des Südens lassen sich nicht voneinander trennen.
Es gibt viel zu tun, packen wir es gemeinsam an! Wir müssen dies gemeinsam mit all denen weltweit tun, die sich mit ihrem Herzen, ihrem Verstand, Mut und oft unter Einsatz ihres Lebens für eine Welt jenseits der kapitalistischen Ordnung und patriarchalen Verhältnisse einsetzen. Verbinden wir unsere Kämpfe, lernen wir voneinander. Kämpfen wir in diesem Sinne gemeinsam für gleiche soziale Rechte und ein gutes Leben für alle – für eine emanzipatorische Perspektive. Unsere Solidarität darf sich nicht auf Erklärungen beschränken, sondern muss ein Verständnis von internationaler Praxis entwickeln, die die Ausbeutung und die Kämpfe in den Ländern des Südens und in den hiesigen Metropolen verbindet.
Beugen wir uns nicht dem Diktat des Kapitalismus, streiten und kämpfen wir grenzenlos und solidarisch für ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

In der Veranstaltung wird Zehra Khan über ihre Erfahrungen im Kampf für die Rechte der TextilarbeiterInnen sowie für Frauen sprechen.
Mittwoch, 23. April, 19.00 Uhr, Linkes Zentrum Lilo Herrmann, Böblingerstr. 105, 70199 Stuttgart (U1, U14, Bus 42, Haltestelle Erwin-Schöttle-Platz)